„Es fehlt: Das Publikum“

Gedanken aus dem Museum Fürstenfeldbruck

Wozu Museen?

Angesichts elementarer Probleme wie etwa finanziellen Sorgen vieler nicht nur Kulturschaffender erscheint die Sorge um die Museumsarbeit momentan fast anmaßend. Die vorübergehende Schließung eines Museums ist sicher kein Beinbruch. Viele Menschen haben in den Monaten der Pandemie andere Sorgen als gerade auf den Besuch einer Ausstellung verzichten zu müssen. Jobs fallen weg, Einnahmen schwinden, Kinder müssen zu Hause betreut werden, Freunde und Familien können sich nicht treffen, Menschen stehen auf der Straße…

In allen Bereichen wirken sich die Covid19-bedingten Abstandsregeln, lockdowns etc. aus – auch auf die Museumsarbeit. Welche Folgen hat die Schließung eines Museums ganz direkt und auch in der Zukunft? Wozu Kunst, Ausstellungen, Museen?

Gedankenskizzen zu Museen während des lockdown

Beim ersten lockdown hatten wir im Museum Fürstenfeldbruck Glück, da genau mit dessen Ende auch die neue Ausstellung (Magie und Zauberkunst) fertiggestellt war und es somit im doppelten Sinn eine „Er-Öffnung“ gab. Die Vernissage, mit allem was dazu gehört, musste allerdings ausfallen. Das sparte im Moment zwar Arbeit – dennoch war schnell spürbar, dass nach vielen Monaten der Ausstellungsvorbereitung mit all ihren Höhen und Tiefen ein kleiner Festakt mit ein paar Worten, Musik und vor allem vielen Gästen sehr fehlte. So sang- und klanglos zum Normalbetrieb überzugehen, ist einfach öde und freudlos. Den vielen Leihgebern und Mitwirkenden – von den Leihgebern, Sponsoren, der Grafikerin, den Restauratoren, Museumspädagogen bis zu den Mitarbeitern des Bauhofs ­– möchte man gerne danken, in die Ausstellung einführen. Ein kleines Eröffnungsvideo sollte als Ersatz dienen.

Zunächst ist es ja durchaus verlockend, einmal ohne den Termindruck neuer Ausstellungen den Arbeiten nachgehen zu können, die im Museumsalltag allzu oft liegen bleiben oder aufgeschoben werden müssen. Sei es die Durchsicht und Sortierung der Depots, Bücher- und sonstiger Regale, das Ausmisten alter Unterlagen, nicht zuletzt mal Zeit für grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung des Hauses zu haben, Entwicklung neuer Ideen, neue Netzwerke zu knüpfen, alte zu überprüfen…

Schnell fällt jedoch auf, dass etwas ganz Wesentliches fehlt: Das Publikum! Und das ist einer der wesentlichsten Aspekte im Museumsleben – die Begegnung mit dem Publikum, vertrauten Stammgästen und neuen Besuchern. Für sie alle macht man schließlich Ausstellungen, ihnen möchte man etwas geben – und das beschränkt sich nicht auf etwas Abwechslung und ein paar schöne Stunden in der Freizeit, wenn auch dieser Aspekt in den reduzierten Covid19-Zeiten an Bedeutung gewinnt.

Schließlich sind Museen vor allem Bildungseinrichtungen. Ein Museum möchte ja nicht nur etwas bewahren, sammeln, Erinnerung pflegen, sondern vor allem etwas mit-teilen, über die Objekte Wissen vermitteln, Diskussionen und Gedanken anregen, Sichtweisen eröffnen – und dazu gehört unabdingbar der Kontakt mit Menschen, ihre Reaktionen, gemeinsame Gespräche. Schon bei der Auswahl der Themen geht es wesentlich um die Frage, was könnte interessant sein für Besucher, welches Thema passt in dieses Jahr, welche aktuellen, historischen oder regionalen Bezüge gibt es. Was wäre eine Bereicherung für die Stadt, die Gemeinde, welches Thema lockt auch überregionales Publikum an?

Die materiellen Einschränkungen sind – sofern nur vorübergehend – nicht unbedingt das größte Problem, auch wenn es für alle freiberuflichen MitarbeiterInnen eines Museums wie MuseumspädagogInnen eine lange, nicht einfach zu überwindende Durststrecke bedeutet. Eigentlich jedes Museum ist in der Lage, kurzfristige Engpässe zu überbrücken, sei es mit Präsentationen aus den eigenen Beständen, Verlängerung von bestehenden Ausstellungen etc.

Ein Verlust ist vielmehr das Ausschließen des Publikums, der Öffentlichkeit. Allein an den Wochentagen bevölkern normalerweise zahlreiche Schulkinder aller Altersstufen die Räume – das Museum lebt!

Nach einigen Monaten mit offenen Türen und glücklichen Besuchern kam trotz eines sorgfältig durchdachten Hygiene- und Schutzkonzepts der 2. lockdown.

Der Wunsch kommt auf, den Menschen auch während der Schließung Einblicke in die Arbeit des Museums, in die aktuelle Ausstellung geben zu wollen. Nicht umsonst bemühen sich alle Museen, Wege zu finden oder Kanäle auszubauen, über die sie mit der „Außenwelt“ in Kontakt bleiben können, mit Videos, Diashows, Bastelsets für Kinder zum Abholen bis hin zu online-Besuchen gegen Eintritt oder sonstigen Ideen wie etwa eines „Museum to go“ . In Form von z.B. Museumskoffern zum Ausleihen für Schulklassen gab es das zwar bereits mancherorts, in Zeiten geschlossener Schulen hilft das jedoch auch nicht weiter.

Gerade jetzt in den lockdown-Zeiten zeigt sich, wie wichtig es ist, über das Internet und die sozialen Netzwerke Menschen zu erreichen, zu informieren und so den Kontakt erhalten zu können.

Schnell kommt die Frage auf das „Wie“: Wieviel soll und kann man über das Netz anbieten – schließlich soll das virtuelle Angebot ja nicht den Museumsbesuch ersetzen, sondern neugierig auf den Besuch machen. Auch die Frage nach einem System, das zu den Möglichkeiten des Hauses passt, stellt sich zwangsläufig. Das sollte benutzerfreundlich und so einfach gestaltet sein, dass es vom Museum selbstständig gepflegt und aktualisiert werden kann. Die klassische Ausbildung der MuseumsmitarbeiterInnen in Kunst oder Geschichte hat bislang nicht unbedingt auf digitale Präsentationen und Vermittlungsstrategien vorbereitet. Einige große Häuser verfügen schon über gute digitale Systeme, auf die sie zurückgreifen können, andere begeben sich auf dieses Feld eher zögerlich, teilweise im selfmade-Stil oder aber mit professioneller Unterstützung. In einem kleineren Museumsbetrieb gibt es außer einer mehr oder weniger gelungenen website meist nicht viel Möglichkeiten und Erfahrung auf digitalem Gebiet.

Etwas Gutes haben die unguten Zeiten vielleicht: Museen, die bisher wenig Lust oder Kapazitäten hatten, sich über digitale Präsentationen Gedanken zu machen, setzen sich jetzt notgedrungen mit ihren Möglichkeiten „im Netz“ auseinander – wir auch. Am wichtigsten ist dabei erst einmal, herauszufinden, welche speziellen Strategien zum eigenen Haus passen, welche finanziellen und personellen Möglichkeiten es gibt und wer das digitale Publikum eigentlich ist. All diese Überlegungen und Ergebnisse kommen auf jeden Fall auch nach der Covid-Pandemie dem Museum zugute, denn irgendeinen sinnvollen Weg durch die digitalen Netze muss sich jeder bahnen – allein schon um auch die jüngere Generation zu erreichen.

Entscheidend wird zukünftig auch sein, geeignete Methoden zu erkennen, das Analoge sinnvoll mit dem Digitalen zu verbinden. Dabei wird vor allem deutlich, dass der virtuelle Rundgang und digitale Führungen kein Ersatz für den analogen Museumsbesuch sind – allenfalls eine Ergänzung. In der Museumsarbeit erleben wir einen besonderen Moment immer wieder: wenn nach langer Vorbereitung und der Arbeit mit unzähligen Abbildungen, Repros etc. endlich das Original ankommt, ausgepackt wird und vor einem steht. Das ist durch nichts zu ersetzen!

Dass innovative Formate nicht mal eben nebenbei erfunden und gestaltet werden können, ist selbstredend. Und ausgerechnet da kommt die pandemie-bedingte Schließung, Auslöser für solch neue Ideen, in die Quere: Museen können keine eigenen Einnahmen erzeugen, sinkende Steuereinnahmen der Kommunen führen zu Budgetkürzungen, Kurzarbeit bedeutet Wegfall von Arbeitsleistung. Da Museen weit im Voraus planen müssen, wirken sich Kürzungen der Finanzen und der Arbeitszeit in dem laufenden Jahr unweigerlich auf das Programm und die Leistungen der folgenden Jahre aus. Ein Teufelskreis.

Auch wir planen auf mehreren Ebenen: Neben der Verlängerung der aktuellen Ausstellung und den Vorbereitungen neuer Projekte arbeiten wir neben den klassischen Printmedien an Möglichkeiten der digitalen Präsentation, sei es durch Kurzvideos, blogs, Hörtexte etc. – immer mit dem Bewusstsein, dass ein Museumsbesuch durch nichts zu ersetzen ist.

Verena Beaucamp, 18.1.2021

Warum Kunst?

Weil neben der materiellen Nahrung für Menschen auch die geistige wichtig ist.

Weil sie in einer andere Sprache als der gesprochenen etwas mitteilt.

Warum Museen?

Weil Kunst der Vermittlung bedarf.

Weil es Menschen miteinander in Kontakt bringt.

Weil es immer eine Bereicherung ist, sich mit neuen Themen auseinanderzusetzen.

Weil es unerwartete Sichtweisen eröffnet, Hintergründe erklärt,

zum Hinterfragen und Diskutieren anregt.

Weil Kunstwerke auch von der Vermittlung, von der Interpretation leben, wie auch die Noten eines Komponisten in Form von schwarzen Punkten auf Papier erst durch die Interpretation eines Musikers lebendig werden. 

Weil es Orte der Ästhetik und des geistigen Genusses sind.

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